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Letztes Update dieser Seite: 10.08.2007
Inhaltsübersicht:
-> 6 Das Coming-out
-> 6.1 Coming-out in pupertärer Phase
-> 6.2 Coming-out als Erwachsener bzw. als Familienvater/-mutter
-> 6.3 Homosexuelle Prominente und deren “Outing“
-> 6.4 Hilfsangebote zum Coming-out
Inhalt:
6 Das Coming-out
Ein so genanntes „Coming-out“ heißt übersetzt nichts anderes als „herauskommen“. Die Bezeichnung umfasst einen Prozess, welchen jeder Homo- oder Bisexuelle in der heutigen Gesellschaft einmal durchmachen muss oder musste. Es ist der Prozess, dass sich eben eine „andersgerichtete“ Person in seinem Umfeld zu seiner Sexualität bekennt. Dieser Prozess wird ausnahmslos nur von homo- und bisexuellen Menschen ausgeführt. Dadurch, dass Homosexualität immer noch etwas Außergewöhnliches ist und oftmals nicht toleriert und akzeptiert wird (Siehe Punkt 7, Gesellschaft) bringt das Coming-out eine sehr emotionale Spannung mit sich. Die Selbstfindungsphase (Punkt 5) ist durch, nun kommt das „dazu stehen“. Homosexuellen wird heute noch oftmals von der Gesellschaft vorgeworfen, sie würden „lügen“, wenn sie sich nicht geoutet haben. Faktisch gesehen ist das zwar nicht wahr, jedoch erzwingt so etwas die Notwendigkeit des Coming-Out´s. Durch die oben genannten gefühlsmäßigen Spannungen benötigt der Mensch, der kurz vor dem Coming-out steht auch ein hohes Maß an Mut und Selbstvertrauen. Das Vertrauen in das Umfeld und die Gesellschaft spielt dabei eine sehr große Rolle. Ein Coming-out hat immer etwas Unterdrückendes, denn man gibt damit zu, im gesellschaftlichen Sinne zu einer Minderheit zu gehören. Zudem diese gesellschaftliche Minderheit von dem eigenen Umfeld, also auch der eigenen Familie, auch heute noch oftmals als nicht normal oder sogar verachtenswert betrachtet wird. Dass viele Menschen eine Autobiografie mit ihrem eigenen Coming-out rausbringen, zeigt, dass diese Phase eine der wichtigsten im Leben ist. Aus persönlicher Erfahrung kann ich dies bestätigen, es bringt ein befreiendes Gefühl mit sich, dass Gefühl, sich nicht mehr verstecken zu müssen und das Gefühl der Selbstsicherheit. Gibt man einmal etwas zu, was nicht dem Strom entspricht, beweist man in gewisser Art und Weise Standfestigkeit. Viele neigen durch eine positive Reaktion dazu, optimistisch in die Zukunft zu schauen. Bei negativen Reaktionen allerdings werden beim Betroffenen oft auch Stressreaktionen ausgelöst, welche z.B. durch selbst initiiertes Mobbing bis zum Selbstmord führen können.
Neben dem von einem selbst ausgehenden Coming-out gibt es natürlich auch das unfreiwillige „Outing“. Dies kann zum Beispiel verursacht werden, indem jemand Vermutungen äußert und diese in Tatsachen umgedreht werden. Da sich so etwas sehr schnell herumspricht, ist jemand dadurch unfreiwillig geoutet worden, erst einmal unabhängig davon, ob die betroffene Person tatsächlich homosexuell oder bisexuell veranlagt ist. Entsprechen die geäußerten Vermutungen den Tatsachen, verwickelt sich der Betroffene leicht in die Folgen einer so genannten Block-Reaktion. Er bemüht sich um das Entkräften der Gerüchte, obwohl sie der Wahrheit entsprechen. In der Folge steht er als Lügner da. Das ist entschuldbar, wenn die betroffene Person sich selber noch nicht im Klaren ist (siehe Punkt 5, Selbstfindung).
Wenn sich jemand outet, so kann sich das zu einem sehr langen Prozess entwickeln. Meistens vertraut sich die betroffene Person einem sehr guten Freund oder einer sehr guten Freundin als erstes an. Vielleicht redet sie auch anonym mit Leuten aus dem Internet. Erzählt die Vertrauensperson das nicht weiter, kann es relativ schnell zum nächsten Schritt kommen und das Outing bei den Eltern steht an. Viele outen sich jedoch als erstes in Klassen- oder Berufsgemeinschaften, im engeren Freundeskreis, bei Geschwistern oder anderen Verwandten.. Dass die Eltern oftmals erst zuletzt davon erfahren, liegt unter anderem meistens daran, dass sie eventuell eine konservative Seite vertreten und dies dem Betroffenen bewusst ist. Oftmals reagieren Eltern dadurch auch aggressiv und/oder abweisend. Gerade Eltern, welche stark in gesellschaftliche Vorgänge wie Nachbarschaftstreffen usw. integriert sind, haben verständlicherweise ein größeres Problem, wenn viele Freunde der Familie über die Homo- oder Bisexualität des eigenen Kindes bereits bescheid wissen.
Ein Coming-out ist nicht mit „einmal outen“ getan, denn kommt ein Jugendlicher aus der Schule heraus und in einen Ausbildungsberuf rein oder auf eine Universität drauf, wird ihn der Outing-Prozess immer weiter verfolgen. Da stellen sich dann auch die Fragen, ob man sich nun schon wieder in der neuen Berufs- oder Studiengemeinschaft outen muss, wie man dies im Falle von einer positiven Entscheidung am besten anstellt und so weiter. Wechselt ein Betroffener dann ein paar Jahre später den Arbeitsplatz oder kommt in eine fremde Umgebung, kommt dies schon wieder auf ihn zu. Hierbei spielt auch das Abschätzen eine wichtige Rolle.
Das Coming-out ist also im Prinzip ein Prozess, welcher die Betroffenen in der momentanen Gesellschaft das ganze Leben verfolgen wird. Dadurch gibt es auch keinen definierten Abschluss für den Coming-out-Prozess.
6.1 Coming-out in pupertärer Phase
Jugendliche, welche mitten in der Pupertät stecken, haben oftmals besonders große Schwierigkeiten bezüglich des Coming-out´s. Denn gerade in der pupertären Phase stellen sich viele philosophische, aber auch gesellschaftliche Fragen wie „Bin ich normal?“ und „Bin ich alleine so?“ Das hier die Suizidrate höher ist, als bei Menschen, welche aus der pupertären Phase schon raus sind, zeigt sich in den vielen Beispielen, wo sich junge Jugendliche wegen nach dem Coming-out folgendem Mobbing oder der Nichtakzeptanz durch das Umfeld umbringen.
Oftmals will ein Jugendlicher auch mit einem Coming-out warten, um sich sicher zu werden (und weiter zu hoffen), dass es nicht nur eine berühmt berüchtigte sexuelle „Phase“ in seinem Leben ist. Mehr darüber ist nachzulesen unter Punkt 5, Selbstfindung. Hat sich ein Jugendlicher geoutet, fühlt er sich in der Regel in den ersten Momenten frei und ist bei positiven Reaktionen motiviert.
6.2 Coming-out als Erwachsener bzw. als Familienvater/-mutter:
Häufig kommt es vor, dass sich homo- oder bisexuelle Menschen nicht in ihren jungen Jahren outen wollen. Dies hat unter anderem den Grund der eventuellen Selbstunsicherheit, Ursache ist aber auch oft das gesunde Einschätzen der Lebenseinstellung bezüglich Sexualitäten von den Verwandten und Bekannten, welche in der heutigen Gesellschaft oftmals konservativ oder sexistisch sind. Neben dem gesellschaftlichen Druck kommt hinzu, dass sich viele Erwachsene homo- oder bisexuelle Menschen auch schon eine Familie aufgebaut haben. Dass sie damit eine Basis besitzen, jedoch selbst unzufrieden damit sind, verwickelt viele erwachsene Betroffenen in einen Widerspruch. Da stellt sich die Frage, ob man die gesamte Basis, die Familie, die man aufgebaut hat, aufgeben und sich auch vor dem bisherigen Lebenspartner und den eventuellen eigenen Kindern outen soll? Oder lebe ich weiter in dieser Basis um das vermeintlich „Idyllische“ nicht zu zerstören und dem eventuellen Kind eine Familie zu geben? Viele Betroffenen malen sich dabei die grausamsten Szenen vor, dass sie alles - vor allem ihr Kind - verlieren würden und ein neues Leben beginnen müssen. Diese Ängste sind teilweise sicherlich berechtigt, gerade weil Frauen eher das Sorgerecht für ihre Kinder bekommen und somit schnell eine einstweilige Verfügung erwirken können, so dass (im Beispiel) der Vater sein Kind nicht mehr sehen darf. Doch kann ich auch aus einem positiven Beispiel berichten, denn Volker (38 Jahre alt, aus Düsseldorf) bezeichnet sich als schwul. Er hat sich erst mit 38 vor seiner Frau geoutet und einige Wochen später bei seiner 11jährigen Tochter. Seine Tochter kommt heute mehrmals wöchentlich bei ihm zu Besuch und hat auf sein Outing mit dem folgenden Satz reagiert: „Papa, ist mir doch egal ob du auf Männer oder auf Frauen oder beides stehst, ob du eines Tages mal mit einem Freund ankommst, ist mir doch egal. Denn ich bin glücklich, wenn du glücklich bist!“
Das ist natürlich eine traumhafte Reaktion auf das Outing des vorher in Ängsten schwebenden Familienvaters: mit einem Satz der eigenen Tochter alle vorhergehenden Sorgen und Ängste vom Tisch gefegt!
Dann gibt es natürlich noch die Menschen, welche sich nie in ihrem Leben outen. Dazu zählen oftmals auch Menschen über 60, welche oftmals allein stehend leben, wo niemand viel über ihr Leben weiß. Teilweise gibt es da auch verbitterte Menschen, was unter anderem auch daher kommt, dass sie sich ihr leben lang etwas vorgelogen haben, ein Leben gelebt haben, was mehr oder weniger eine Lüge war. Dann gibt es natürlich auch welche, die findet man mit ihren beispielsweise 65 Jahren frisch geoutet in der „Szene“ (Punkt 8.3) wieder.
Fazit ist, dass es für ein Coming-out keine Altersgrenze gibt. Es gibt nur den Unterschied der familiären Situation und des Umfeldes und die Umgangsweise der Betroffenen selbst mit ihrer Sexualität.
6.3 Homosexuelle Prominente und deren “Outing“
Wenn sich ein Prominenter outet oder geoutet wird, so ist das oft ein gefundenes Fressen für die Boulevard-Presse. Abgesehen davon, dass ein öffentliches Outing bei Prominenten eher selten ist, findet es, wie zum Beispiel beim Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit, unter Druck statt. Dabei ist auch im Wesentlichen zwischen „Outing“ und „Coming-out“ zu unterscheiden. Denn der Begriff „Outing“, welcher von der Schwulen- und Lesbenbewegung übernommen wurde und sich in den Neunziger Jahren auch in Deutschland durchsetzte, umschreibt ursprünglich das erzwungene Coming-out von öffentlichen und politisch/gesellschaftlich aktiven homo- oder bisexuellen Personen. Dabei wurde „Outing“ in England nicht als Diffamierungsakt verstanden, sondern von der Schwulen- und Lesbenbewegung als eine Art Befreiungsakt gesehen, welcher besonders jungen Menschen wie Jugendliche, welche an sich teilweise oder ausschließlich homosexuelle Gefühle entdecken, ein gewisses Maß an Selbstbewusstsein geben soll, indem sie prominente Identifikationsfiguren entdecken und dadurch Mut bekommen sollen, zu sich zu stehen. Im weiteren Verlauf, gerade auch durch den Überlauf des Wortes „Outing“ nach Deutschland, entwickelte sich der Begriff immer mehr als Synonym dafür, homosexuelle Prominente aufgrund ihrer Sexualität in der Boulevard- und Sensationspresse anzuschwärzen und unfreiwillig zu outen.
Inzwischen ist der Begriff Outing aus der Lesben- und Schwulenbewegung herausgewandert und wird auch allgemein verwendet bei Dingen, welche nicht der Norm der Gesellschaft entsprechen. Oftmals wird der Begriff verwendet, um jemandem damit in seinem Ruf zu schädigen, aber umgangssprachlich wird er heute auch von betroffenen Personen selbst verwendet. Beispielsweise „Ich oute mich als drogenabhängig“. Das englische Wort von „Outing“ bezeichnet allerdings hauptsächlich einen „Ausflug“.
Seit dem homo-/bisexuelle Prominente öffentlich geoutet werden hat sich auch gesellschaftlich viel getan. Viele beziehen sich bei dem Thema auf die geouteten Prominenten (siehe Praktische Arbeit, Dokumentation „Out Now“). Film- und Fernsehen fängt an, diese „andere“ Sexualität zu thematisieren (z.B. in der Lindenstraße) – und gehören damit neben dem Internet als Gesamtpunkt „Medien“ sicherlich zu den einzigen in der Gesellschaft, welche Homosexualität öffentlich thematisieren. Dass damit auch immer wieder der Quoten-Schwule oder die Quoten-Lesbe gesucht wird, welche möglichst dem Klischee entsprechen, ist auch eine Folge dessen. Inwiefern auch Politiker zu Quoten-Homosexuellen zählen, ist jedem seiner Meinung frei überlassen. Dabei übersieht die Berichterstattung der Presse oftmals die Prominenten, welche sich nach ihrem unfreiwilligen Outing das Leben nehmen, wie zum Beispiel der Mathematiker Alan Turing.
6.4 Hilfsangebote zum Coming-out
Durch die bekannten Probleme bei einem Coming-out entstanden im Laufe der Zeit viele Hilfsangebote für alle Menschen, welche kurz davor stehen oder darüber nachdenken. Das wohl am meisten genutzte Hilfsmittel ist das Medium „Internet“. Hier gibt es zahlreiche Hilfsangebote in Form von Websites, welche über das Coming-out anderer berichten, oftmals aber auch eine Telefonhotline und ein Mailformular anbieten, welche man anonym nutzen kann um seine Fragen und Probleme zu klären. Mit mehr als 1000 Besuchern pro Tag ist gayhelp.de, – ins Leben gerufen von Michael Krebs -, eine herausragende Seite. Dieses Medium bietet sich vor allem den Menschen an, welche mehr in ländlichen Gegenden leben, wo sowieso in der Regel mehr konservative Menschen leben. Denn hier ist es auch schwierig, zu so genannten LesBiSchwulen „Jugendgruppen“ zu gehen. Diese Jugendgruppen gibt es heute in fast jeder etwas größeren Stadt, und sie bieten vermehrt eine persönliches Gespräch und eine Beratung an, wobei sie den Menschen, welche kurz vor dem Coming-out stehen, so gut wie möglich helfen. Dies ist eine gute Alternative wenn man kein Internet hat. LesBiSchwule Jugendgruppen kann man sich aus dem Internet oder oftmals auch aus dem Telefonbuch heraussuchen. Inwiefern jemand ein Hilfsangebot annehmen will, ist jedem selbst überlassen. Natürlich kann man auch eine Vertrauensperson um Hilfe beten.
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